Stadtpolitik / Kultur u. Medienkritik

OFF LIMITS: Die Initiative „Offene Gesellschaft“

„Was ich nicht ertrage, ist die Unschuld der Menschen“ (Heiner Müller)

Am 17.06.2017 sollen bundesweit überall Menschen zusammenkommen um für eine „Offene Gesellschaft“ zu werben. Die meisten derer, die im Vorfeld dafür ihre Stimme erheben sind sogar der Meinung, dass wir in einer „Offenen Gesellschaft“ leben und diese gegen Rechtspopulisten und Neo-Nationalisten verteidigt werden muss.

Doch was heißt „Offene Gesellschaft“ eigentlich und für wen ist sie offen? Für den afghanischen Geflüchteten, der nach seinem Interview bei der zuständigen Behörde mitgeteilt wird, dass sein Antrag auf Asyl abgelehnt wurde? Für den arbeitslosen Jobcenter-Kunden, der weil er sich gegen eine unsinnige Maßnahme wehrt, das ihm zustehende Existenzminimum um 30% gekürzt bekommt und noch weniger als vorher am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann? Die mittlerweile massenhaft prekär Beschäftigten, die um ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu finanzieren zusätzlich Sozialleistungen beziehen und sich vor den Jobcentern nackisch machen müssen?
Das sind nur wenige Beispiele und noch nicht mal die verhehrensten Ungerechtigkeiten, die sich eine der reichsten Gesellschaften dieses Planeten leistet. Die Zahl der Obdachlosen steigt weiterhin, hunderttausende sind auf der Suche nach bezahlbaren Wohnraum. Weiteres ist im Armuts und Reichtumsbericht, den die hiesige Regierung vorzensiert vorgelegt hat nachzulesen. Für diese Menschen ist diese Gesellschaft nicht offen.

Kein Problem?

„Deutschland ist eines der reichsten, sichersten und attraktivsten Länder der Welt. Dass es auch hier eine Menge zu kritisieren, verbessern, modernisieren gibt, ist keine Frage und auch kein Problem…“ (aus den 10 Thesen der Initiative “ Die Offene Gesellschaft“)

„…die Offene Gesellschaft hat in Europa eine Infrastruktur. Sie ist nicht perfekt, aber auch nicht nackt und wehrlos. Europa ist zusammengeflochten durch Institutionen, Verträge, Meetings, Vereine, Verbände, Autobahnen, EasyJet, Handel, Banktransfers, die Champions League und Eurovision. Solch ein Geflecht hält eine Weile, auch bei schlechtem Wetter.“ (von Andre Wilkens, Mitbegründer der Initiative „Die Offene Gesellschaft“, text)

Für die oben beschriebenen Menschen klingen solche Worte wie reiner Hohn bzw. wie eine Ausgeburt bürgerlicher Ignoranz. Wer sich ein bißchen genauer in den Publikationen der Initiative umschaut, sieht wo diese herrührt. Immer wieder taucht der bürgerliche Philosoph Karl Popper auf, der in seinem, von unterschiedlichster Seite hochgelobten Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ eine aufgeklärte Form bürgerlicher Herrschaft begründet in dem er die Feinde eindeutig auf totalitäre Regime wie Faschismus und Kommunismus reduziert. Abgesehen davon, dass diese Gleichsetzung, die in diesem Staat zur Doktrin erhoben wurde in die Irre weist, lenkt sie von den grundsätzlichen Problemen der Gesellschaft ab und ignoriert die Tatsache, dass die Zahl der Menschen, die aus dieser sog. Offenen Gesellschaft ausgespieen werden immer weiter steigt.

Ähnliche Steigerungsraten verzeichnen nur die Konten von den wenigen, die im Moment von dieser Situation profitieren. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Doch dieser Fakt taucht, wenn dann nur in dem oben genannten Zitat aus dem Thesenpapier jener Initiative auf. Aber das scheint ja kein Problem zu sein.

Dieses Problem haben die Protagonist*innen der Initiative auch nicht, denn sie setzen sich aus den Teilen der bürgerlichen Gesellschaft zusammen, die andere – weniger existenzielle – Sorgen haben, wie jene Menschen die Arbeit oder für sie bezahlbaren Wohnraum suchen. Schlimmer noch: Sie verstehen sich nicht einmal als Profiteure eines ausgrenzenden Systems, das sich bürgerliche Demokratie nennt und auf kapitalistischer Ausbeutung beruht. Sie machen sich zum Helfershelfer einer Spielart des Populismus, der geflissentlich ignoriert wird:

Liberaler Populismus

Im Gegensatz zum rechten Populismus, der sich auf den sog. Willen des Volkes und der Nation gründet ist der liberale Populismus einer des Marktes, der sich u.a. in der Politik der Alternativlosigkeit einer Angela Merkel oder Wolfgang Schäuble beweist. Ob es nun die Bankenrettung, die EU und deren Austeritätspolitik war und ist. Oder das kritiklose Hochjubeln eines Macron in Frankreich. Alle diese Entscheidungen sind gegen die Interessen der Bevölkerung durchgesetzt bzw. beklatscht worden. Die bürgerlichen Medien, aber auch jene Parteien, die sich als Garanten einer offenen Gesellschaft sehen spielen dieses Theater mit, das für Millionen von Menschen, nicht nur in Deutschland jene prekären gesellschaftlichen Bedingungen hervorbringt, die den Ausschluss eines nicht geringen Teils der Bevölkerungen zur Folge haben.

Die 2te Komponente des liberalen Populismus: „Die erste besteht darin, die Wahrheit des Kapitals zu vertreten, die zweite darin, sich ständig auf die Moral zu berufen. Alle ursprünglich humanistischen Werte wie Gleichberechtigung, Würde des Menschen usw. werden komplett vereinnahmt und zur Aura der politischen Aussage gemacht. Die Aussagen der liberalen Populisten erscheinen daher nicht nur als an und für sich wahr, sondern darüber hinaus auch noch als an und für sich gut. Das ist eine Doppelstrategie gegen die man nur noch ganz schwer ankommt. Denn jeder, der sie kritisiert, gerät in die Gefahr, sofort als Populist beschimpft zu werden. Das heißt: Er wird bezichtigt, eine wahrheitswidrige Position zu vertreten und außerdem noch unmoralisch zu sein. Dabei wird vergessen, dass die in Anspruch genommenen liberalen moralischen Werte in ihr Gegenteil verkehrt werden, wenn sie in einer durch und durch neoliberal verfassten Gesellschaft gelebt werden sollen. In diesem Zusammenhang ist die Einzigartigkeit des Subjekts nicht mehr die Voraussetzung für individuelles Lebensglück, sondern für eine gesteigerte Form der Ausbeutung. Wenn jemand in der Flüchtlingsdebatte sagt: Ich mache mir Sorgen, meinen Job zu verlieren (…), dann wird u.a. von der Seite der Grünen immer sofort attestiert, dass es sich um Hysterie, um eine übertriebene Form der Angst handele, die keinen Halt in der Realität habe und deren Gründe sich daher auf gar keinen Fall verallgemeinern ließen. Man unterstellt, dass es sich dabei um eine individuelle Form des Pathologischen handele. Anstatt diese Ängste als einen Hinweis darauf zu nehmen, dass die gegenwärtige neoliberale Politik auch Verlierer hervorbringt, werden sie nicht als berechtigte Ansprüche einer bestimmten Klasse verstanden, sondern individualisiert und pathologisiert.“ (Bernd Stegemann, jW vom 14.06.2017)

Dies begründet bürgerliche Herrschaft und die Stabilisierung kapitalistischer Bedingungen mit all ihren Konsequenzen. Eine von vielen ist, das sich viele Menschen nicht mehr an Wahlen beteiligen, da sie sich selbst nicht mehr durch Politik und andere gesellschaftliche Gruppen vertreten fühlen. Dies alles moralisch aufzuwerten und die Verteidigung des Bestehenden gegen nationale Ideologen in den Fokus zu stellen erreicht eher das Gegenteil dessen, was Ziel der Veranstaltung sein soll.

Wer dies ignoriert, trägt zumindest indirekt dazu bei, das einige dieser Menschen ihr Heil im Nachbeten rechtspopulistischer Stimmungsmacher suchen. Ihr nach unten treten gegen Migrant*innen und Geflüchtete vollzieht oftmals nur ihre Erfahrungen in der bürgerlichen Gesellschaft, in den Jobcentern, bei der Suche nach Arbeit und/oder Wohnung, beim zweifelhaften Genuss unserer Medienangebote etc. nach. Die wenig inklusiven Bildungsmöglichkeiten in diesem Land tragen dazu bei, das sich daran nichts ändern kann.

Was wir brauchen sind Initiativen für eine freie bzw. sich selbst befreiende Gesellschaft, die Missstände benennt und Wege der Überwindung sucht, aufgreift und schlußendlich auch die Chuzpe hat für dieses Ziel zu kämpfen.

Zum Schluss noch ein besonderes Bonmot zu dem Aufruf in Kaiserslautern: Das Werbeblättchen Wochenblatt Kaiserslautern, dass durchaus noch über einen meinungsstarken redaktionellen Teil verfügt und zu den Kaiserslautrer Aktionen der Initiative „Die offene Gesellschaft“ mitaufruft, schaffte es in jener Ausgabe vom 18.05.2017 in der sie auf der ersten Seite ihre Mitwirkung benennt und das Ganze vorstellt, auf der zweiten Seite eine bezahlte Veranstaltungsankündigung der AfD-Fraktion des Landtags RLP abzudrucken. So sieht Offenheit nach allen Seiten aus. Hauptsache die Kasse stimmt.

#kaiserslautern #dieoffenegesellschaft #populismus #liberalismus #armut #kapitalismus

Die Lautertalbrücke – Zur Diskussion über einen Betonpfosten

Hier ein Beitrag zur Diskussion um den noch vorhandenen Pfeiler der alten Lautertalbrücke. Bei dieser Diskussion geht es um Bemühungen des Vereins für Baukultur und Stadtgestaltung Kaiserslautern e. V., der u.a. Mitglied der Initiative „Pfaff erhalten – Stadt gestalten“ ist, der Stadtverwaltung einen Erhalt jenes Autobahnpfostens abzuringen, der eigentlich durch den Bau der neuen Brücke überflüssig geworden ist und unnötig in der Gegend herumsteht. Der Verein wirft der Stadt, die diesen Pfeiler für nicht erhaltenswert erachtet ein „gestörtes Verhältnis zu Historischem“ vor. Doch ist die Historie gerade dieser 1937 (sic) eingeweihten Brücke doch sehr fragwürdig. Hierzu dokumentiere ich hier einen in der RHEINPFALZ nicht für als veröffentlichungswürdig gehaltenen und aussortierten Leserbrief:

Mein erster Gedanke bei der Durchsicht der Artikel und Leserbriefe zur Diskussion um den Erhalt/Abriss der Lautertalbrücke war: Klar sollte man diesen Pfeiler stehen lassen. Als Mahnmal. Auch ein Name fiel mir schon ein: Adolf-Hitler-Gedächnis-Vollpfosten.

Nun aber mal im Ernst. Wer mit Stolz auf diesen Sandstein verkleideten Stahlbetonträger zeigt und diesen erhalten will, zeitigt ein eher krudes Weltbild.

Ich weiss, dass die Autobahn keine Erfindung der Nazis war, obwohl einige immer noch dieser Ansicht sind und diesen falschen Rückschluss auf die Geschichte immer noch als Errungenschaft des Regimes ansehen. Aber gerade das 1937 eröffnete Reichsautobahnteilstück in und um Kaiserslautern hatte eine kriegswichtige Bedeutung und die Militärs hatten schon direkt nach der Installierung des NS-Regimes einen großen Einfluss auf die Planung und den Ausbau der Reichsautobahnen. Diese Rolle des Militärs verhalf der hiesigen RAB zu den flughafenähnlichen Ausbauabschnitten bei Ramstein. Die Bedeutung als schnelle Verbindung zur Westfront gen Frankreich ist ebenfalls nicht bestreitbar. Die mit dem Bau der Lautertalbrücke beauftragten Eisenwerke Kaiserslautern waren im Rüstungs- und Infrastrukturbereich Profiteure der Vorkriegsplanung, des Krieges selbst und somit des NS-Regimes. Während der Kriegsjahre war auch dort eine grössere Anzahl an Zwangsarbeitern unter miserablen Arbeits- und Lebensbedingungen zugange.

Lauertal37

ltb

Ich finde es immer wieder faszinierend dass genau jene die der Stadtverwaltung und Hern Weichel Geschichtsvergessenheit unterstellen, selbst derart geschichtsvergessen agieren. Einen Betonpfeiler einer Autobahn mit fragwürdiger Geschichte mit der Spoliensäule oder den oftmals zu recht kritisierten Umgang der Stadtverwaltung mit Kunstwerken in der Stadt in einen Topf zu schmeissen empfinde ich als Missachtung jener Künstler, die versucht haben diese Stadt zu gestalten und diese gegenüber Kunst und Kultur zu öffnen.

Wie schon bei der Diskussion um das Pfaffgelände wird nur über Steine gesprochen und nicht über deren Geschichte.

HJ Redzimski hat es geschafft: KL ist Großstadt

Unser allseits beliebter Chefredakteur des RHEINPFALZ-Lokalblättchens „Pfälzische Volkszeitung“ hat es herbeigeschrieben und es ward Wirklichkeit: KAISERSLAUTERN IST GROSSSTADT. Statistisch. Nach einem im vorletzten Jahrhundert angelegten Rechenexempel. Nur eines hat unser HaJo Redzimski in seinem himmelhoch jauchzend ausgefallenen Hurra-Text vergessen zu erwähnen. Nämlich wem wir es zu verdanken haben, dass KL die Schwelle der 100.000 Einwohner beständig überschritten hat:

Es sind die Geflüchteten¹, die bei uns Aufnahme gefunden haben, und die nun hoffentlich längerfristig für „internationales Flair“ sorgen werden.

Und auch der DANK an all diejenigen, die sich um eine bestmögliche Aufnahme derer kümmern, die vor den von unserer Regierung mitangezettelten und durch Lieferungen unserer Waffenindustrie und nicht zuletzt der militärische Mitwirkung der Bundeswehr und unserer NATO-Verbündeten geführten Kriege, sowie anhaltender Ausbeutung und Verelendung durch lokale Handelsabkommen und verbrecherische Rohstoffimporte flüchteten, bleibt in der Rheinpfalz unerwähnt.

Es sind die Geflüchteten selbst und die vielen ehrenamtlich Aktiven die Kaiserslautern bunter machen, nicht die innerstädtischen Beleuchtungsorgien, durch die Konsumtempel a‘la „K in Lautern“ oder die institutionalisierte Stadtkultur.

Grüße an Shaian und die „Teachers on the Road“, sowie allen anderen Einzelpersonen die die hochgepriesene Kaiserslautrer Willkommenskultur wirklich mit Leben füllen.

In diesem Sinne

Auf ein buntes 2017

RWbunt

¹ kl-ist-bunt.de

Eine Internationale Schule für Kaiserslautern? Es gibt besseres zu tun

Ein weiterer Beitrag zur Diskussion um die Ansiedlung einer „Internationalen Schule“ in Kaiserslautern und ein etwas anderer Nutzungsvorschlag für das ehem. Kreiswehrersatzamt. Warum nicht ein internationales sozio-kulturelles Zentrum anstatt einer Eliteschule?

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Seit im August diesen Jahres das Bundesvermögensamt der Stadt Kaiserslautern das Angebot unterbreitet hat das Kreiswehrersatzamt zum halben Preis zu erwerben geistert mal wieder die nicht nur bildungspolitisch unsinnige Idee durch den Raum dieses Gebäude für die Schweizer Privatfirma Seelab AG zu erwerben, die dort eine Private Eliteschule eröffnen soll.

Der Oberbürgermeister, sowie andere dem Neoliberalismus nahestehende Parteien und Organisationen feiern diese sogenannte Internationale Schule als Standortfaktor und Eintrittskarte für die Ansiedlung international operierender Wirtschaftsbetriebe. Die CDU geht sogar soweit aus der bekannterweise leeren Stadtkasse das Kreiswehrersatzamt zum vollen Preis zu erwerben um eine, auf die mit dem 50%-Angebot verbundene lästige Festlegung auf eine 10jährige öffentliche Zweckbindung zu umgehen. Dies wird allen Ernstes zur Zeit geprüft.

Zur Erinnerung: Diese Internationale Schule verlangt von ihrer ausgewählten Kundschaft Schulgelder von mindestens 13000 Euro jährlich und bietet dafür noch nicht einmal einen Zugang zu einem in Deutschland geltenden Abitur an. Deshalb ist ja auch eine Summierung der Schule unter einer öffentlichen Zweckbindung von vornherein auszuschließen. Als Kunden für diesen Schultyp kommen also nur Extremgutverdiener in Frage, die mehr oder minder auf der Durchreise sind, da deren Kinder (und dies ist der eigentliche Vorteil dieses Schultyps) in vielen anderen Ländern direkt weiterbeschult werden können. Weiter konnten die Befürworter einer Ansiedlung bisher nichts vorlegen, was die Auslastung des Schultyps in Kaiserslautern belegt und um welche Kundschaft es sich eigentlich handelt. Die konkretesten Äußerungen hierzu kamen bisher aus Landstuhl. Die Stadt hatte sich im letzten Jahr auch für eine Ansiedlung ins Gespräch gebracht. Der dortige Stadtbürgermeister sprach in einem Rheinpfalz-Artikel vom März 2015 von einem großen Interesse aus dem NATO-Umfeld. Das ist in Anbetracht der oben genannten Kundenausrichtung naheliegend. Was ein solches Interesse mit auf wirtschaftlicher Entwicklung fußenden Argumenten der politischen Akteure hier in Kaiserslautern zu tun hat ist daher nicht wirklich nachvollziehbar.

Abgesehen davon, das es sich bei der Internationalen Schule um eine nur als reaktionär zu bezeichnendes, auf Elitebildung und Exklusion ausgerichtetes Bildungsinstitut handelt gibt es also keinerlei Grundlage warum eine hochverschuldete Stadt wie Kaiserslautern Steuergelder dafür aufwenden soll die Bildung von finanziell äußerst komfortabel ausgestatteten Eliten zu ermöglichen. Es stellt sich hier die Frage, warum die Trägerin dieser Schule sich nicht ein eigenes Gebäude auf den freien Immobilienmarkt besorgt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir sind durchaus dafür, gerade unter den vom Bundesvermögensamt dargestellten Bedingungen, die Immobilie Kreiswehrersatzamt zu erwerben. In Anbetracht der Herausforderungen die mit der Integration der in Kaiserslautern angelandeten Flüchtlinge verbunden sind, wäre z.B. die Schaffung einer soziokulturellen Einrichtung wie eines städtischen Begegnungszentrums mit gut ausgestatteten Räumen für Deutschkurse, die Weiter- bzw. Ausbildung von Geflüchteten sowie Räume für den kulturellen Austausch dringend geboten. In Kaiserslautern gibt es viele ehrenamtlich agierende Gruppen, sowie Menschen aus der freien Kulturszene die in der Lage sind aus den gegebenen Möglichkeiten etwas zu schaffen was mehr Internationale Schule beinhaltet als elitäre Privatschulen je leisten können.

Die zweite Hälfte des Gebäudepreises, den manche CDU-Mitglieder bereit sind draufzulegen kann man sich dann sparen, oder besser noch für die Ausstattung und den Betrieb eines soziokulturellen Internationalen Zentrums nutzen.

Flüchtlinge willkommen heißen – Das Zusammenleben stärken

Erschienen im Amtsblatt Kaiserslatutern vom 13.10.2016 (pdf)

Foto entnommen aus kl-ist-bunt.de. keine weiteren Angaben.

Roachhouse, das wars – Ein subjektiver Blick zurück:

„Freiraum ist subjektive Freiheit in objektiver Unfreiheit = Distanz von der Realität inmitten der Realität.“*

Das Roachhouse war in den letzten 6 ½ Jahren das Vereinsheim des alternativen Kulturvereins Kutur ohne Kommerz KL e.V. „K.o.K.-roaches“. In dieser Zeit wurde es zu einem wichtigen sozio-kulturellen Treffpunkt für Jugendliche, politisch Aktive, Kulturinteressierte, Kulturschaffende, Musiker*innen und zuletzt auch Geflüchtete. In eigenen Projekten, aber auch in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren der freien Kulturszene und politischen Gruppierungen in Kaiserslautern wurden in diesen Räumen verschiedenste Initiativen von Festivals bis zu gemeinsamen Aktivitäten gegen Rechts entwickelt. Dazu kamen Workshops und im letzten Jahr ein sozialer Treffpunkt sowie ein Raum für Deutschkurse in Kaiserslautern angelandeter Geflüchteter.

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Über diese Aktivitäten im politischen Raum und in der Vermittlung nichtsubventionierter eigenverantwortlicher Kulturarbeit war das Roachhouse vor allem bekannt für ein eigenwilliges Konzert- und Sessionangebot das Musiker aus aller Welt (England, Irland, Italien, den USA und Israel etc.) nach Kaiserslautern brachte. Die meist akustischen Konzerte zogen Musikliebhaber*innen verschiedenster Generationen an und zeigte, dass es auch in direkter Kooperation mit Künstlern und mit geringen Mitteln möglich ist ein breitgefächertes und hochwertiges Programm zu präsentieren.

Zum Ende Oktober wurde der Mietvertrag für diese Räumlichkeiten vom Hauseigentümer gekündigt, ohne das alternative Räume bereitstehen in denen diese Arbeit weitergeführt werden kann. Das dies irgendwann passieren wird müsste eigentlich allen Beteiligten klar gewesen sein. Schon seit Jahren wurden die Beschwerden häufiger und die Regelsetzungen rigider, so dass auch das Gefühl im Roachhouse wirklich einen Freiraum zur Verfügung zu haben nicht mehr richtig aufkam. Auch ist damals bei Unterzeichnung des Mietvertrages niemand davon ausgegangen, dass der Verein so lange Zeit in diesen Räumen bleibt. Doch kam es nie dazu selbsttätig den nächsten Schritt zu tun. Dazu gibt es verschiedenste Gründe.

Zum Einen: Die Tatsache, dass die von den KoKroaches entwickelte Möglichkeit die geschaffenen Räumlichkeiten als Melting Pot für die damals im sich im Aufbruch befindende freie Kulturszene zu begreifen von anderweitig organisierten Kultur- und Politaktivist*innen nicht angenommen wurde. Statt von teilweise unterschiedlichen Vorstellungen zu einer gemeinsamen Schnittmenge mit dem Ziel eines selbstverwaltetes Kulturzentrums zu kommen kochte mensch lieber sein eigenes Süppchen. Dadurch entstanden Parallelszenen, die in einer Stadt wie Kaiserslautern zwar für den Moment die Angebotsvielfalt erhöhten, doch langfristig nicht tragen konnten. Zielgerichtete Diskussionen über Inhalte und die Entwicklung von Gemeinsamkeiten wurden einem Aktionismus geopfert, der nicht weiter führte als zu verschiedenen Initiativen, die eine der Gruppen alleine nicht stemmen konnte (siehe Einvierteltakt, Schön*raus, das Freiräume-Fest). Über das Gelingen der Veranstaltung hinaus war oftmals keine Zielsetzung zur Weiterentwicklung hin zu einer gemeinsamen Perspektive zu erkennen. Die Nachbereitung beschränkte sich in den meisten Fällen auf das Aufräumen und Geld zählen.

Aber auch bei den KoKroaches höchstselbst wurde, wie mensch im Nachhinein erkennen muss, sich zu wenig mit der eigenen Zielsetzung und den selbst gesetzten Vorgaben (Satzung und Selbstverständnis) die dort hin führen sollten auseinandergesetzt. Auch hier war die Aktion, das Konzert, die Veranstaltung und technische Lösungen anfallender Probleme wichtiger als inhaltliche Auseinandersetzungen, was schliesslich auch dazu führte, dass Brüche entstanden die bis zum heutigen Tag nicht aufgearbeitet wurden. Zu dem gab es zuviele Mitläufer*innen und zuwenige die für einen Verein mit vielfältigen kulturellen und politischen Aktivitäten und gewachsener Außenwirkung wirklich Verantwortung übernommen haben.

Ein anderer wichtiger Punkt: Es wurde nie ein Bewusstsein sichtbar, das politische und kulturelle Arbeit gezielt miteinander verknüpft hat. Das Politische wurde von vielen Politaktivist*innen oft bewusst oder unbewusst von den kulturellen Bedürfnissen abgekoppelt. Gleichsam wurde und wird in Künstler*innenkreisen oftmals die kommerzielle Wertschöpfung dem kreativen Umarbeiten der Welt und Suche nach einem Vorschein des Neuen im Sinne utopisch überschreitender Kunst (E.Bloch) vorgezogen. Die wenigen Menschen in Kaiserslautern, die dazu willens und in der Lage waren bzw. sind wurden nicht wirklich erreicht.

Von der Aufbruchstimmung, die vor 2-3 Jahren selbst für die politisch Verantwortlichen in der Stadt spürbar wurde und das Gefühl, dass in Kaiserslautern wirklich etwas geschieht, dass die Strukturen des institutionalsierten Kultur und Politbetriebs aufsprengt und langfristige Wirkungen haben könnte, ist jetzt nichts mehr übrig. Was bleibt sind die kleinen Oasen der Hipsterkultur (Poetry Slam) und eine grössere Bandbreite an Kneipen- bzw. Akustikkonzerten, meistens so teuer, das zumindest ich mir den Besuch nicht leisten kann. Die städtische Kulturpolitik labt sich derweil am Übriggebliebenen und betrachtet dies als Wertschöpfungspotential für die Aufwertung heruntergekommener bzw. neuentstehender Stadtviertel. Kurzum: Im Moment scheint kein Freiraum in Sicht, der diesen Namen auch verdient.

Doch vielleicht haben Einzelne durch das Roachhouse eine Idee von dem bekommen, was die Menschen, die dort angefangen haben etwas aufzubauen im Blick hatten.

„Dass Realität alternativlos ist, heißt nicht, dass sie notwendig ist, wie sie ist.“*

Auf ein Letztes: 17.10. -22.10.2016 LAST EXIT ROACHHOUSE – Die Abschiedskonzerte

* beides: Marcus Steinweg, Notiz zur Realität, 2013