Roachhouse, das wars – Ein subjektiver Blick zurück:

„Freiraum ist subjektive Freiheit in objektiver Unfreiheit = Distanz von der Realität inmitten der Realität.“*

Das Roachhouse war in den letzten 6 ½ Jahren das Vereinsheim des alternativen Kulturvereins Kutur ohne Kommerz KL e.V. „K.o.K.-roaches“. In dieser Zeit wurde es zu einem wichtigen sozio-kulturellen Treffpunkt für Jugendliche, politisch Aktive, Kulturinteressierte, Kulturschaffende, Musiker*innen und zuletzt auch Geflüchtete. In eigenen Projekten, aber auch in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren der freien Kulturszene und politischen Gruppierungen in Kaiserslautern wurden in diesen Räumen verschiedenste Initiativen von Festivals bis zu gemeinsamen Aktivitäten gegen Rechts entwickelt. Dazu kamen Workshops und im letzten Jahr ein sozialer Treffpunkt sowie ein Raum für Deutschkurse in Kaiserslautern angelandeter Geflüchteter.

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Über diese Aktivitäten im politischen Raum und in der Vermittlung nichtsubventionierter eigenverantwortlicher Kulturarbeit war das Roachhouse vor allem bekannt für ein eigenwilliges Konzert- und Sessionangebot das Musiker aus aller Welt (England, Irland, Italien, den USA und Israel etc.) nach Kaiserslautern brachte. Die meist akustischen Konzerte zogen Musikliebhaber*innen verschiedenster Generationen an und zeigte, dass es auch in direkter Kooperation mit Künstlern und mit geringen Mitteln möglich ist ein breitgefächertes und hochwertiges Programm zu präsentieren.

Zum Ende Oktober wurde der Mietvertrag für diese Räumlichkeiten vom Hauseigentümer gekündigt, ohne das alternative Räume bereitstehen in denen diese Arbeit weitergeführt werden kann. Das dies irgendwann passieren wird müsste eigentlich allen Beteiligten klar gewesen sein. Schon seit Jahren wurden die Beschwerden häufiger und die Regelsetzungen rigider, so dass auch das Gefühl im Roachhouse wirklich einen Freiraum zur Verfügung zu haben nicht mehr richtig aufkam. Auch ist damals bei Unterzeichnung des Mietvertrages niemand davon ausgegangen, dass der Verein so lange Zeit in diesen Räumen bleibt. Doch kam es nie dazu selbsttätig den nächsten Schritt zu tun. Dazu gibt es verschiedenste Gründe.

Zum Einen: Die Tatsache, dass die von den KoKroaches entwickelte Möglichkeit die geschaffenen Räumlichkeiten als Melting Pot für die damals im sich im Aufbruch befindende freie Kulturszene zu begreifen von anderweitig organisierten Kultur- und Politaktivist*innen nicht angenommen wurde. Statt von teilweise unterschiedlichen Vorstellungen zu einer gemeinsamen Schnittmenge mit dem Ziel eines selbstverwaltetes Kulturzentrums zu kommen kochte mensch lieber sein eigenes Süppchen. Dadurch entstanden Parallelszenen, die in einer Stadt wie Kaiserslautern zwar für den Moment die Angebotsvielfalt erhöhten, doch langfristig nicht tragen konnten. Zielgerichtete Diskussionen über Inhalte und die Entwicklung von Gemeinsamkeiten wurden einem Aktionismus geopfert, der nicht weiter führte als zu verschiedenen Initiativen, die eine der Gruppen alleine nicht stemmen konnte (siehe Einvierteltakt, Schön*raus, das Freiräume-Fest). Über das Gelingen der Veranstaltung hinaus war oftmals keine Zielsetzung zur Weiterentwicklung hin zu einer gemeinsamen Perspektive zu erkennen. Die Nachbereitung beschränkte sich in den meisten Fällen auf das Aufräumen und Geld zählen.

Aber auch bei den KoKroaches höchstselbst wurde, wie mensch im Nachhinein erkennen muss, sich zu wenig mit der eigenen Zielsetzung und den selbst gesetzten Vorgaben (Satzung und Selbstverständnis) die dort hin führen sollten auseinandergesetzt. Auch hier war die Aktion, das Konzert, die Veranstaltung und technische Lösungen anfallender Probleme wichtiger als inhaltliche Auseinandersetzungen, was schliesslich auch dazu führte, dass Brüche entstanden die bis zum heutigen Tag nicht aufgearbeitet wurden. Zu dem gab es zuviele Mitläufer*innen und zuwenige die für einen Verein mit vielfältigen kulturellen und politischen Aktivitäten und gewachsener Außenwirkung wirklich Verantwortung übernommen haben.

Ein anderer wichtiger Punkt: Es wurde nie ein Bewusstsein sichtbar, das politische und kulturelle Arbeit gezielt miteinander verknüpft hat. Das Politische wurde von vielen Politaktivist*innen oft bewusst oder unbewusst von den kulturellen Bedürfnissen abgekoppelt. Gleichsam wurde und wird in Künstler*innenkreisen oftmals die kommerzielle Wertschöpfung dem kreativen Umarbeiten der Welt und Suche nach einem Vorschein des Neuen im Sinne utopisch überschreitender Kunst (E.Bloch) vorgezogen. Die wenigen Menschen in Kaiserslautern, die dazu willens und in der Lage waren bzw. sind wurden nicht wirklich erreicht.

Von der Aufbruchstimmung, die vor 2-3 Jahren selbst für die politisch Verantwortlichen in der Stadt spürbar wurde und das Gefühl, dass in Kaiserslautern wirklich etwas geschieht, dass die Strukturen des institutionalsierten Kultur und Politbetriebs aufsprengt und langfristige Wirkungen haben könnte, ist jetzt nichts mehr übrig. Was bleibt sind die kleinen Oasen der Hipsterkultur (Poetry Slam) und eine grössere Bandbreite an Kneipen- bzw. Akustikkonzerten, meistens so teuer, das zumindest ich mir den Besuch nicht leisten kann. Die städtische Kulturpolitik labt sich derweil am Übriggebliebenen und betrachtet dies als Wertschöpfungspotential für die Aufwertung heruntergekommener bzw. neuentstehender Stadtviertel. Kurzum: Im Moment scheint kein Freiraum in Sicht, der diesen Namen auch verdient.

Doch vielleicht haben Einzelne durch das Roachhouse eine Idee von dem bekommen, was die Menschen, die dort angefangen haben etwas aufzubauen im Blick hatten.

„Dass Realität alternativlos ist, heißt nicht, dass sie notwendig ist, wie sie ist.“*

Auf ein Letztes: 17.10. -22.10.2016 LAST EXIT ROACHHOUSE – Die Abschiedskonzerte

* beides: Marcus Steinweg, Notiz zur Realität, 2013