Archiv für April 2016

Grüße vom BmAS: Deutschland sagt Sorry!

»Visionäre und nachhaltige Politik braucht Debatte und Reflexion. Das Benennen und Austarieren von Missständen gehört dazu. Deshalb begrüße ich diese Initiative sehr und freue mich, dass soziale Politik in Deutschland nicht bloß eine Floskel ist.« Schirmherr Bundespräsident Joachim Gauck

d-sorry

Deutschland sagt Sorry!

Die Agenda 2010 ist eine in den Jahren 2003 bis 2005 umgesetzte Reform des Arbeitsmarktes und Sozialsystems, die eine Kürzung der staatlichen Leistungen für Erwerbslose, eine Verschärfung der Zumutbarkeitskriterien und die Einführung von Sanktionen beinhaltet. Die Reformen haben Deutschlands Wirtschaft zu neuer Kraft verholfen, sozialpolitisch sind sie allerdings umstritten.

Gehören auch Sie zu den Benachteiligten der Agenda 2010? Schreiben Sie uns und Sie erhalten ein handsigniertes Entschuldigungsschreiben von Bundespräsident Joachim Gauck. (Formular)

Mehr Informationen zu dieser schönen Aktion ;)

So, 8.05. Film&Info-VA: Der Wert des Menschen

Zur Abwechslung mal ein VA-Tipp:

Sonntag, 8.05.2016, 18.00Uhr
Union – Studio für Filmkunst / Kerststr.24 / Kaiserslautern

WdM805

In Frankreich kommt es im Moment zu einem breit getragenen Aufstand gegen die Einschränkung der Arbeitsrechte, die deren Regierung plant durchzusetzen. Unter dem Namen „Nuit debout“ (frei übersetzt: Aufrecht durch die Nacht) haben sich Studierende, Gewerkschaften und viele bisher nicht Organisierte in vielen Städten aufgemacht, den neoliberalen Reformen entgegen zu treten. Die Menschen dort erleben mittlerweile in vielen Bereichen dass, was in Deutschland unter dem Namen „Agenda 2010“ arbeitenden Menschen und Erwerbslosen aufgebürdet wurde. Der Spielfilm beschreibt diese Veränderung anschaulich und intensiv am Beispiel eines 50jährigen Mannes, der arbeitslos durch Maßnahmen geschleust wird, die viele hier in Deutschland aus der hießigen Jobcenter-Praxis kennen. Er findet schließlich eine neue Arbeit, die ihm und dem Zuschauer die Auswirkungen der sog. Arbeitsmarktreformen auf den gesellschaftlichen Alltag und die Arbeitswelt ungeschminkt sichtbar machen.

Das Hartz4-Regime:
Die aktuelle Praxis und die geplanten Verschärfungen

ab ca. 20Uhr im Roachhouse, Richard-Wagner-Str. 78, Kaiserslautern

Hans Sander, vom Bezirkserwerbslosenausschuß ver.di Pfalz wird im Anschluß an den Film von der deutschen Hartz4-Praxis in den Jobcentern und auch die im Moment diskutierten Reformen berichten. Diskussion erwünscht!

Veranstalter: Die Linke – Stadtverband Kaiserslautern, Bezirkserwerbslosenausschuß ver.di Pfalz


mehr zum Film: Der Wert des Menschen (Info)

Stadtbilder KL o3

Kunst am Bau – different styles –

KaB01

KaB02

KaB03

KaB04

Fotografiert: feb. – april 2016
cc.png

Vorsicht Falle – Über die Ausbeutung kreativer Potentiale in Kaiserslautern

Diejenigen „Kreativen“ bzw. „kulturell Engagierten“ denen es in erster Linie darum geht ihre eigenen Wertschöpfungspotentiale zu optimieren oder in Kulturprojekten eine Möglichkeit suchen sich Selbstreferentiell abfeiern zu lassen, können diesen Artikel gerne überblättern bzw. sich wieder Facebook oder anderen Selbstbespiegelungsmöglichkeiten im Netz widmen.

KLwhere

Wie bei so vielen Sachen stand, auch hier in Kaiserslautern, am Anfang die gute Idee. Nach vielen Jahren mit einer Kulturamtsleitung, deren einziges Interesse in der Pflege der subventionierten Hochkultur bestand, weht dort nun ein frischer Wind. Mit der neuen Leitung kam auch ein neuer kultureller Ansatz. Herr Dammann denkt nicht so eindimensional wie die Vorgängerin, was sich auch dadurch zeigt, dass er direkt nach Amtsantritt den Kontakt zur sogenannten freien Szene suchte. Gespräche mit den alternativen Kulturvereinen fanden statt und im Zuge der Kommunalwahlen konnten sich in seinem Windschatten auch die vorher recht ignorant agierenden Herren und Damen der Stadtverwaltung nicht entziehen. Ein Ergebnis des neuen Ansatzes in der Kulturpolitik der Stadt war ein am Anfang recht aufgeblähter Kulturstammtisch, der alle Akteure außerhalb der subventionierten Kultur zusammenführte. Es gab auch erste Erfolge wie eine sich „Freiraum“ nennende Leerstandsbespielung der alternativen Kulturvereine. Dazu aber später mehr.

Herr Dammann, aber auch andere Akteure haben das Potential, dass in der freien Szene steckte erkannt. Die alternativen Kulturvereine: Namentlich Kultur ohne Kommerz KL e.V., Kulturkollektiv e.V., Raumpiraten, später noch die „Familie Kunterbunt“ hatten schon in den Jahren davor unter großer Anstrengung und Eigenleistung dafür gesorgt, dass es so etwas wie ein Alternatives Kulturprogramm in der Stadt gab und gemeinsam die Forderung nach einem selbstbestimmten Kulturzentrum reaktiviert. Leider sind diese Ansätze an den kulturellen Unterschieden und der Mehrstimmigkeit der Akteure gescheitert und wieder in der Versenkung verschwunden. Auch die kulturelle Arbeit selbst ist kaum mehr sichtbar. Geblieben ist ihr Status als Ideenlieferant: Leerstandsbespielung, Konzerte in Kneipen mit regionalen, teilweise gar internationalen Künstlern, denen ihre Kunst wichtiger ist, als Karriereaussichten haben sich in der Stadt ausgebreitet, so dass auch kommerzielle Anbieter Lunte gerochen haben.

Gentrifizierung a‘la Provence

Wichtiger für den Artikel hier sind aber Andere, die grösser denken und kreatives Potential als Wirtschaftsfaktor identifizieren und nutzen wollen. So hat mittlerweile der Lobbyverein „Zukunftsregion Westpfalz“ den „Kreativstammtisch“ gekapert. Dieser hat, in gemeinsamer Arbeit mit dem vom Mallbetreiber ECE finanzierten „Citymanagement“ die Ideen, die von den unterschiedlichen Akteuren der Freien Szene in die Runde geworfen wurden aufgesaugt um sie schließlich möglichst marktkonform umzusetzen. Dafür geben sie den Kommunikator und verschleiern ihre Absichten indem sie als Freunde und Förderer der Kreativen auftreten.

Um dies Freizulegen genügt ein Blick auf ihre Webseiten:

„Die Westpfalz soll auch in Zukunft attraktiv sein für Menschen aller Altersgruppen, Herkunftsorte und Religionen, ein lohnenswerter Standort für Forscher, Unternehmer und Investoren.“ (zukunftsregion-westpfalz.de)

Zu ihren Mitgliedern gehören Rüstungskonzerne, genauso wie Versicherungsunternehmen, Sparkassen, Arbeitsagenturen bis zu Einzelhändlern und Kleinbetrieben. Das einzige was dieses Konklomerat verbindet ist die Hoffnung auf Profite, neue Kunden oder auch nur auf wirtschaftliches Überleben. Kunst und Kultur taucht für die meisten dieser Akteure nur als Beiprogramm auf, das die Standortattraktivität erhöht:

„Eines der wesentlichen Anliegen dieser Plattform ist auch die Sichtbarmachung des kreativen Potenzials der ZukunftsRegion Westpfalz für unsere Wirtschaft. Vielfach sind Kreative, insbesondere Kleinstunternehmen, für die restliche Wirtschaftswelt schwer ausfindig zu machen. Viele Aufträge gehen deshalb unseren Kreativen verloren. Um die regionale Wertschöpfung zu optimieren und Chancen zu nutzen, wird diesem Umstand entgegen gewirkt.“ (westpfalz-kreativ.de)

Mensch könnte jetzt sagen: Was ist so schlimm daran, wenn sie uns doch dafür diese und jene Möglichkeiten eröffnen uns zu präsentieren und unsere kulturellen Beiträge sichtbar zu machen?

Da mag was dran sein, wenn es mensch in erster Linie darum geht mit seiner Kunst Geld zu verdienen (was ja leider auch in dieser Welt eine Notwendigkeit ist) oder zur Selbstbespiegelung eine Bühne braucht. Diejenigen für die Kunst mehr als marktkompatible Selbstdarstellung ist, sondern die in Kunst und Kultur die Möglichkeit sehen, aus dieser auf Konsum und Beute gesteuerten Welt auszubrechen und etwas zu bewegen, müssten spätestens hier die Augen aufgehen.

Vieles von dem, was hier in Kaiserslautern im Moment geschieht, erinnert stark an die Gentrifizierungsprozesse, die Menschen in den Metropolen seit Jahren erleben. Auch da waren es in der Pionierphase die Aktivist_innen aus der Alternativkultur die neue erst mal günstige und interessante Räume entdeckt, neue Ideen entwickelt und vernachlässigte Viertel belebt und aufgewertet haben. Das Ende vom Lied war in den meisten Fällen der Staubsauger-Effekt. Die kommerziellen Anbieter kopieren und lernen von einem und reproduzieren das ganze dann inhaltsentleert für ein grösseres finanzkräftiges Publikum. Die Immobilienbranche freut sich, genauso wie die städtischen Verantwortlichen über den Imagegewinn und die dadurch verbesserten Verwertungsbedingungen. Schlechtestenfalls werden dann die Protagonist_innen der kulturellen Veränderung selbst verdrängt.

In die selbst gestellte Falle getappt

Das zweite Freiraum-Projekt der alternativen Kulturszene (minus Kultur ohne Kommerz KL e.V.) , kam u.a. über Impulse des oben genannten neoliberalen Lobbyvereins zustande (1). Leider hat sich das Kulturamt zumindest in Vernetzungsfragen scheinbar vollständig dem Lobbyverein unterworfen. Die sogenannte Alternativkultur hat diesem Gebahren weder in Form noch inhaltlich etwas entgegenzusetzen.

Auch die von dem Kulturkollektiv und den Raumpiraten mitgetragene Initiative „Pfaff erhalten – Stadt gestalten“ argumentiert mittlerweile mit den marktkonformen Entwicklungsmöglichkeiten die Räume bzw. ganze Gebäude für die „Kreativwirtschaft“ eröffnen würden. De facto ist und bleibt „Kreativwirtschaft“ (1) (2) ein krudes Konstrukt, das vom bildenden Künstler über die Medien- bis zur Werbewirtschaft alles Mögliche in einen Topf wirft und dabei eher eine Entwicklung hin zu einer Stadt befördert, in der nur noch white collar work zu Mindeststandards stattfindet.

Mit der Schaffung von selbstbestimmten Räumen in einem Kulturzentrum in der ein eigenständiger anti-hierarchischer und kommerzbefreiter Kulturbegriff verhandelt wird, hat dies absolut gar nichts mehr zu tun.

Um noch eine kleine Bilanz hinzuzufügen: In den letzten Jahren haben sich in Bezug auf die wichtigsten Bedürfnisse der nichtkommerziellen Kulturszene in der Stadt nichts getan: Es gab weder Angebote für Proberäume für lokale Musiker_innen, keine nichtkommerziellen Auftrittmöglichkeiten für Bands mit vollem Equipment, keinen freien Veranstaltungsort für Dancepartys, keine offenen Ateliers, Werkstätten und Arbeitsmöglichkeiten für Künstler_innen verschiedenster Art, keine weiteren sozialen Treffpunkte ohne Konsumzwang ausser dem einzigen selbstorganisierten Raum von Kultur ohne Kommerz KL e.V. (dem Roachhouse) dessen weitere Finanzierung (meines Wissens nach) immer noch nicht wirklich gesichert ist. Ob die Initiative für eine kulturelle Nutzung von Räumlichkeiten innerhalb des Pfaffgeländes in Anbetracht der finanziellen Grundbedingungen mit der Suche nach Investoren und damit verbundenen neuen Abhängigkeiten die in Bezug auf den Umfang die dort notwendigen Gebäudesanierung inkl. Umbauten Abhilfe schaffen, darf bezweifelt werden, da die soziale Komponente in der ganzen Diskussion bisher, zumindest öffentlich keine Rolle spielt.

Fundstück KL: Nietzsche-Chips

“Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.” (Friedrich Nietzsche)
chips
… oder Formchips Samstag Nacht in der Fuzo zu streuen ;)

Fotografiert: Kaiserslautern, 2.04. (vor dem Union-Kino)
cc.png