Kaiserslautern – Auf dem Weg zur Großstadt ???

Der Chefredakteur der Provinzausgabe der Rheinpfalz halluziniert Kaiserslautern zur Metropole.

„Großstadt – Das Wort hat einen Klang. Es hat für viele einen Wohlklang. Es klingt nach Weltzugewandtheit, nach Weltläufigkeit. Es klingt nach Paris, Rio, Tokio. Es klingt nach Ausstrahlung, Ambiente, Attraktion. Es hat etwas Magnetisches, Anziehendes, Zugkräftiges. Das Wort spielt mit dem Gedanken, dass eine Großstadt mehr ist als eine größere Stadt. Das Wort gibt einer Stadt eine besondere Bedeutung, verleiht ein werbewirksames Image. Es hebt sie aus dem Mittelmaß….“ [RP-Pfälzische Volkszeitung vom 31.12.2015]

Und woran macht Herr Redzimski das fest? Allein an der Statistik. An der Anzahl der Einwohner, die 1887 [sic] von einer Internationalen Statistikkonferenz, die damals festlegte dass sich Städte über 100.000 Einwohnern Großstadt nennen darf. Mal abgesehen davon, dass Ende des 19. Jahrhunderts einige 100 Millionen Menschen weniger auf diesem Planeten lebten und die weltweite Bevölkerungsstruktur sich seit damals schon mehrfach krass verändert hat, dürfte jedem Sterblichen klar sein, dass sich die Kultur, Struktur und Geschichte einer Stadt nicht durch das überschreiten einer zur magischen Grenze erklärten statistischen Marke verändert. Ein weiterer Wermutstropfen ist leicht bei Wikipedia zu finden. Vergleiche mit „Paris, Rio, Tokio“ verbieten sich durch die Klassifizierung deutscher Statistiker: „In Deutschland wird eine Großstadt nach dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung weiter unterteilt in eine „Kleinere Großstadt“ mit 100.000 bis 500.000 Einwohnern und eine „Große Großstadt“ mit mehr als 500.000 Einwohnern.“*

Nichts ist provinzieller als der Wunsch ein Großstädter zu sein

Aber was unterscheidet die grössere Stadt wirklich von einer Großstadt, die Provinz von der Metropole? Da unser gutmütiger Provinzchefredakteur in rein marktwirtschaftlichen Kategorien denkt – Stichwort: Imagegewinn, Zugkraft – und dieses dann mit der Ansiedlung von Konsumtempeln zu beweisen sucht - „…eine Shopping Mall, einen IKEA, ein Vapiano… – reicht ein Blick in die Strategiepapiere des Shopping Mall Betreibers ECE um dies zu widerlegen. Erst durch ihr vermehrtes Engagement in sog. Mittelstädten kam Kaiserslautern überhaupt ins Visier des Mallbetreibers.

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„Wir gehen lieber in eine Klein- oder Mittelstadt und besetzen dort eine starke Marktposition, als dass wir in die Randlage in einer Großstadt gehen.“ [Alexander Otto, Chef des Einkaufscenter-Betreibers ECE Projektmanagement GmbH & Co**]

Mit auf ihrer Liste stehen mittlerweile Städte wie Erfurt, Norderstedt, Alzey, Hamm, Remscheid etc. Alles beileibe keine Großstädte, gar Metropolen. Das Gleiche gilt für IKEA. Braunschweig, Oldenburg, Bielefeld atmen auch nicht unbedingt den Odem der grossen, weiten Welt.

Klar hat Kaiserslautern eine Universität, wenn auch nur eine Technische. Das bemühen hiermit Anschluß an die Welt der Wissenschaft zu finden ist unübersehbar. Doch zeigt es sich gerade in diesem Bereich wie wenig anziehend die „prosperierende Westpfalzmetropole“ [OB Weichel] in Wirklichkeit ist. Kaiserslautern hat sehr viele Studierende, doch sieht man diese kaum. Gerade nach der dem sog. Bologna-Prozeß geschuldeten Umstellung auf Bachelor und Master Studiengänge gleicht die hiesige TU einer Lernfestung deren Insassen die Woche hindurch büffeln und am Wochenende in ihre angestammte Heimat verschwinden. Ein Gros der hier Studierenden hat die Innenstadt nie gesehen. Die Zahl derjenigen die nach ihrem Studium in Kaiserslautern bleiben, kann mensch an einer Hand abzählen. Wirklich frappant ist die Zahl derjenigen Jugendlichen, die wegen fehlender geistiger und kultureller Herausforderungen und Angebote die Stadt (oftmals) auf nimmer wiedersehen verlassen.

Und genau dieser Schwund an Kreativen, Selbstdenkenden die diese Stadt zu einer eigenen Identität, einer Basis an Virulenz und schöpferischer Energie verhelfen könnten macht Kaiserslautern zur sich immer wieder selbst reproduzierenden Provinz. Die wenigen freien Geister die hier bleiben sind vornehmlich „Käuze, Erfinder von längst Erfundenem, Denker von längst Gedachtem, Querköpfe, Querlieger und Querschießer. Sie stellen keine neuen Signale, jedenfalls keine die abgelesen werden können, und die Nachbarn vor denen sie sich abschliessen, verstehen ihre Sprache nicht.“ (Carl Amery)***
Jene Unkonventionellen werden hier notwendigerweise zu Einsiedlern. Die Konvention behält Oberwasser. Wer zu neuen Ufern aufbrechen und andere auf diesem Wege mitnehmen will muss zur Zeit „Raus aus Lautern“ auch wenn die Bevölkerungsmarke von 100.000 überwunden wird.

Was bleibt sind diejenigen die die Modernität kopieren und Abziehbilder dessen schaffen, was in den wirklichen Metropolen „up to date“ zu sein vorgibt. Erst dann wenn sie zur Konvention, zur Mode, sozusagen massentauglich geworden sind, haben sie eine Chance hier anerkannt und zumindest für eine Szene identitätsstiftend zu werden. Abgefeiert wird dann aber im Endeffekt nur reproduzierte Modernität. Mensch könnte es „Provinzieller Urbanismus“ nennen. Eine Provinzialismus der dann aber auch unhinterfragt alles übernimmt, was die Großstädte so ausspucken, egal wie unsinnig und für die eigene Situation unpassend dieses Neue, Urbane auch ist. Zu diesem Zeitpunkt sind die Vorbilder in den Metropolen schon zwei Schritte weiter. Dort ist das Neue schon ein alter Hut. Carl Amery nannte das in einem Artikel aus dem Jahre 1964 „kulturelle Signal-Verspätung“. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Kaiserslautern tut weiterhin einiges dafür, dass dies auf Ewigkeiten so bleibt. Jugendpolitik war und ist hier nur unter den Fittichen begleitender Sozialarbeit vorstellbar. Freiräume für soziale und kulturelle Experimente werden in Nieschen gezwängt und verhungern lassen. Grenzüberschreitungen sind geächtet. Mängel werden überspielt. Hauptsache alles bleibt sauber und ordentlich. Konformität siegt über Innovation. Der Kritiker wird zum Nörgler degradiert.

Damit sind wir wieder bei unserem Provinzchefredakteur, der unter anderem vergessen hat zu erwähnen, das die Möchtegern-Großstadt Kaiserslautern über kein einziges ernsthaftes Medium verfügt. Die einzige Tageszeitung ist ein Anhängsel der in Ludwigshafen produzierten Rheinpfalz. Alle anderen Printmedien haben eine Strahlkraft von höchstens 10-20 Kilometern, Radio gibt es nur als Konzern oder öffentlich-rechtlich und ohne den Anspruch selbst zu denken. Metropolitan ist anders!

Was bleibt!

Warum nicht einfach zu dem stehen was Kaiserslautern ist: Provinz! Im Gegensatz zur Metropole mit ihren tausenden vorgefertigten kulturellen, sozialen und politischen Angeboten ist der Provinzbürger gezwungen sich selbst einzubringen, wenn er das Leben lebenswerter machen will. Vielleicht sollten wir uns von einigem verabschieden u.a. dem blinden Nacheifern einer urbanen Lebenswelt, die beim genauen hinsehen wenig fortschrittlich und oft genug menschenfeindlich erscheint. Viele die es in die Metropolen zieht gehen in der Masse unter. Eine eigene Identität gewinnt der Mensch durch eigene Kreativität und das Loslösen von Dogmen, die die Orientierung am größer, schneller, weiter so mit sich bringt. Dazu gehört es mehr auf die Querköpfe, Querlieger, Querschießer zu hören, die selbst auferlegten Konventionen und damit verbundenen Gruppenzwänge zu hinterfragen. Das gilt für jeden Einzelnen, auch die politischen Verantwortlichen und Medien. Statt sich der Wachstumsökonomie anzudienen und sich blindwütig in immer neue Abhängigkeiten zu verrennen, sollte es das Ziel sein das Soziale, Kulturelle und Kreative zu fördern. Konventionen aufzusprengen und Grenzüberschreitungen zu applaudieren statt sie zu verdammen. Nur so, bekommt mensch den den Bestandteil des „Provinziellen“ aus den Köpfen, das oftmals zurecht verdammt wird.

„Nur in der Provinz, nicht in der Metropole, entsteht Kreativität“ [Heiner Müller, Dramatiker 1929-95]

*Wikipedia: Großstadt
**Handelblatt, 18.05.2003
***Zwischen Großstadt und Dorf: : Die Provinz (Von C. Amery), 1964